Die Fähigkeit, ehrliche erzgebirgische Mundarttexte in zeitgemäßer Form einem Publikum jenseits von "Kastelruther Spatzen", "de Randfichten" und dergleichen nahe zu bringen, zeichnet die Vier ebenso aus wie die Freude am spontanen, musikalischen Experiment mit ihrem ambivalenten Heimatgefühl. Das Publikum muss stets mit leiden, mit lachen und mit trinken.
„Summer's almost gone“
Morning found us calmly unaware
Noon burned gold into our hair
At night, we swim the laughin' sea
When summer's gone
Where will we be?
Summer's almost gone
Summer's almost gone
We had some good times
But they're gone
The winter's comin' on
Summer's almost gone.
Jim Morrison
Nun ist schon wieder über ein viertel Jahr ins Land gegangen, seitdem ich mit meiner Frau an die Chemnitzer Gestade gespült wurde, ausgerüstet mit einem „dicken Sackel voller Mut“ und dem schwachen Trost, nun endlich wieder etwas näher meiner erzgebirgischen Heimat leben zu dürfen. Der Sommer, der für viele unter uns nicht nur eitel Sonnenschein mit sich brachte, ist entschwunden und der Herbst ist gerade dabei, seine kühlen Schwingen über uns auszubreiten. Genießen wir also tüchtig diese letzten milden Tage des Jahres, tanken wir uns nochmals reichlich mit Wärme und Licht voll, die wir in der vor uns liegenden kalten Zeit sicherlich dringend gebrauchen werden.
Viele unter euch werden wissen wollen, wie ich meinen Umzug nach Berlin überstanden und ob ich mich inzwischen in meinem neuen Heim gut eingelebt habe.
Zum Glück konnten Adeline und ich bei unserem Umzug auf die Hilfe zahlreicher Freunde zählen, die uns stützend unter die Arme griffen. Ein ganz herzliches Dankeschön an dieser Stelle nochmals an meinen guten Freund Mario aus Pirna, den empfehlungswertesten Umzugsspezialisten in Ganz-Sachsen. Während es in Berlin einige (Diaspora)-Hauptstädter waren, die mein spärliches aber gewichtiges Hab und Gut auf die Straße hinaus verfrachteten, waren es in meiner neuen Heimat Chemnitz vor allem die mit „Kreuz-, Knie- und anderen körperlichen Gebrechen beladenen“ Old Fellows, die unseren ganzen Krimskrams drei Stockwerke die Vettersstraße hochmanövrieren mussten. Ganz besonderen Dank auch ihnen: Sarah, Carmen, Kürsche, Harti, Dieter, Dietrich und vor allem meinem Vater, der mit seinen knapp achzig Lenzen schier Unmögliches leistete.
So kam ich also mit dem bereits erwähntem „Sackel voller Mut“ in meinem neuen Zuhause an, doch schleppt man ja bekanntlich auch einen Riesen-Müllsack von Problemen sein ganzes Leben lang mit sich herum, den man weder durch einen geographische Ortswechsel noch durch eine frische Brise aus dem Gebirg' losbekommen kann.
„Den Mut ja nicht verlieren!“, das ist leichter gesagt als getan, wenn man wie ich von einer Organisation des subtilen Terrors abhängig ist, deren Namen ich hier lieber nicht nennen möchte, um den virtuellen Web-Space nicht unnötig mit noch mehr bösem Gestank zu verpesten. Nur so viel sei an dieser Stelle zu meinen Anfangsnöten in Chemnitz gesagt: endlos erscheinende Wochen des Wartens auf Nachricht verstrichen, in denen ich auf die Unterstützung durch meine Familie angewiesen war. Als ich es dann nach vielen vergeblichen Anrufen wagte, zum wiederholten Male auf dem Amt zu erscheinen, um devot nach dem Verbleib meiner mir zu- aber leider immer noch ausstehenden Almosengelder zu fragen, wurde ich von einer apokalyptisch anmutenden Angst gepackt. Nur Harti wird meinen außerordentlichen Schrecken voll und ganz verstehen, als ich an der mir zugewiesenen Bürotüre den Namen „Frau Werner“ entzifferte. Sollte es sich dabei um die böse Hexe handeln, die meinem Alter ego Enrico schon einmal so viel Leid zufügt hat? Zum Glück erwies sich aber mein Angstanfall als unbegründet – die Chemnitzer Wernersche erwies sich als ein wahrer Engel, die nur tröstende Worte für unsere fatale Lage fand und uns schließlich flehentlich um Geduld bat. Wir müssten doch wissen, dass die Räder der Bürokratie recht langsam mahlten, aber erst einmal ein Opfer beim Schopfe gepackt, dieses unerbittlich zermalmten.
„Es gehört eine ungemeine Kraft dazu, in der Geldbedrängnis die seelische Würde aufrecht zu erhalten; der Künstler kann das, der allgemeine Mensch kann es nicht; also muß der allgemeine Mensch die Welt ändern. Denn die seelische Würde ist alles, oder doch, worauf es zuerst ankommt.“
Dieses kleine Zitat Ludwig Hohls, eines bis heute fast völlig verkannten, notorisch-erfolglosen, weil aufrecht-antikommerziellen schweizerischen Schriftstellers und Denkers des letzten Jahrhunderts, passt so recht auf unsere vorhersehbare und wohlverdiente Krisenepoche (Gott sei Dank währen Epochen heutzutage nicht mehr Jahrhunderte, sondern oft nur wenige Jahre!), die ich als Zeitalter der pervertierten Demokratie, des unpolitischen Konsumismus und des Bankensozialismus bezeichnen möchte. Während den großen Finanzhaien durch unsere Regierungen unaufhörlich Steuergelder und frisch gedruckte Banknoten in Billionenhöhe in die gierigen Rachen geworfen werden (läppische 13 Milliarden würden jährlich ausreichen, um den Hunger auf der Welt auszurotten!), kürzen unsere pseudodemokratischen Politiker unaufhörlich mit immer härteren Austeritätsprogrammen die Ausgaben in den Bereichen Soziales, Bildung und Kultur. Nur die Rüstungsausgaben steigen verständlicherweise, denn die herrschenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse müssen natürlich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gesichert werden! Um kriminelle Spekulanten vor dem Bankrott zu retten, werden gleichzeitig die legitimen Interessen der Bürger durch unsere „Volksvertreter“ verhökert und verraten. Früher hätte man eine solche Handlungsweise als „Hochverrat“ bezeichnet und mit der Guillotine oder zumindest mit lebenslänglicher Verbannung auf die Teufelsinsel bestraft. Ich würde mich heutzutage schon damit begnügen, wenn die Schuldigen zu einem Zwangsurlaub nach Mallorca verdonnert werden würden und dort ihr geraubtes Geld bei Ballermann, umgeben von hirnrissigen Pauschaltouristen, verballern müssten. Allein die Abwesenheit der mit Schmiergeldern korrumpierten Politikerschar dürfte m.E. dazu ausreichen, die Lehren aus begangenen Fehlern zu ziehen und die Weichen für eine gerechtere Weltordnung zu stellen.
Um nochmals auf den philosophischen Schriftsteller Ludwig Hohl zurückzukommen: Dieser schlug als Alternativen zur Rettung der seelischen Würde in Notstandszeiten den Dilettantismus, das Bombenlegen oder den Selbstmord vor. Ich würde gerne noch als vierte „resignante Rettungsvariante“ die Flucht in den Wahnsinn vorschlagen, den ja bekanntlich eine ganze Reihe bekannter Intellektueller in der Vergangenheit eingeschlagen hat. Vielleicht wäre es aber auch im Anbetracht des heranrückenden Winters und aus Verantwortlichkeit gegenüber seinem Nächsten viel eher an der Zeit, aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen und endlich wieder politisch aktiv zu werden. Es gäbe so viel zu tun, doch fühlt man sich nur von Resignation und Feigheit umgeben. Voller Schamgefühl muss ich mir's auch selber eingestehn: auch ich fühle mich häufig schwach und verzagt, als hätte man mir das Rückgrat bereits gebrochen.
„Mamatchi, solch ein Pferdchen wollt' ich nie!“, ist man versucht, den Brüsseler Techno-Bürokraten zuzurufen, die inzwischen vollkommen zu Steigbügelhaltern der internationalen Großkonzerne degeneriert sind. Karl Marx und Egon Olsen hatten wahrlich recht, als sie uns vor diesem Geschmeiß nachdrücklich warnten. Den Ideen des einen war der dauerhafte Erfolg missgönnt, da seine Epigonen seine Lehre verrieten und missbrauchten, den anderen nahm man zu wenig ernst, obwohl es doch gerade häufig die vermeintlichen Schalken sind, die der nackten Wahrheit am nächsten kommen, da sie als einzige dazu befähigt sind, hinderliche Konventionen zu ignorieren und die nagenden Problem ohne falsche Rücksichtnahmen bei den Hörnern zu packen. Au weh, fast hätte ich doch den dritten großen anti-kapitalistischen Propheten in meinem Pamphlet vergessen: Jesus von Nazareth. Die Mehrzahl seine Jünger – wenigstens derjenigen in Deutschland – beteiligt sich vergnügt am Tanz um das Goldene Kalb, den unsere Bundeskanzlerin und das sie umgebende gewissenlose Politikerrudel zum Wohle der Großverdiener und Millionenerben zur Sicherung ihrer Pfründen veranstalten. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen als ein Reicher in das Himmelreich kommen!
Entschuldigt bitte meine etwas grob und polemisch ausgefallenen Worte, die Galle ist mir soeben ein wenig übergelaufen. Was ich euch eigentlich mitteilen möchte, die Quintessenz meiner Auslassungen, ist nämlich keineswegs der Versuch, euch die Zerstörung des europäischen Einheitsprojekts schmackhaft zu machen – dafür legen sich bereits ganze Schwadrone zwielichtiger Dunkelmänner ins Zeug, mit denen ich nicht das mindeste zu schaffen haben möchte – sondern viel eher das Gegenteil: Was wir brauchen, egal ob Deutscher, Franzose, Grieche oder Lappe, ist eine Einigung von unten, die als Hauptziel das Gemeinwohl der Völker zum Ziel hat. Denn nicht die Wirtschaftskrimiminellen, die sich selbst durch riskante Börsenspielchen in die Tinte gesetzt haben, bedürfen eines Rettungsschirms, sondern die von ihnen betrogenen Massen! Was wir in den letzten beiden Jahrzehnten in Europa erlebten, war eben bloß eine monitäre Zwangsehe im Interesse der die Finanzen beherrschenden winzigen Minderheit, die in der Endkonsequenz die einzelnen europäischen Völker entfremdete statt näher brachte. Statt den Unionsgedanken zu festigen, wurde er durch die Brüsseler Eliten nachhaltig gefährdet.
Doch lassen wir für heute das persönliche Gejammer und die Strafpredigten auf das Banken-Babel, dafür gibt es ja inzwischen genügend Krippelkiefern-Balladen. Meine Sorgen mit besagtem Amt sind mittlerweile auch zu einem kleinen Häufchen Dreck zusammengeschmolzen. Aus mir noch immer unerklärlichen Gründen haben meine Zwangstreuhänder beschlossen, meine BG für ein Vierteljahr nach Sevilla zu verbannen. Meine Zeit im Exil werde ich natürlich geflissentlich für die Propagierung der Weltrevolution ausnutzen. Doch darüber werde ich euch sicherlich später noch genügend Erfreuliches und evtl. auch etwas schwerer Verdauliches berichten dürfen.
Heute möchte ich mich noch ganz herzlich bei allen meinen Freunden bedanken, die mir zu meinem 51. Geburtstag gratulierten. Ganz herzlichen Dank auch für die edlen Spender des Riesengeschenks, an das sich meine inzwischen auf Kleinschrift trainierten Augen erst noch gewöhnen müssen. Zu erfahren, dass man nicht ganz alleine in dieser sich immer egoistischer gebärdenden Welt steht, dass es Menschen gibt, die ähnlich denken, wie man es selbst tut, das verleiht einem immer wieder neuen Mut und Entschlusskraft.
Noch zwei wichtige Dinge seien dem aufmerksamen Leser ganz zum Schluss noch verraten: Zum einen wird unsere „Neie“ CD allen Negativprognosen zum Trotz voraussichtlich pünktlich zur Adventszeit erscheinen. Zum anderen haben wir uns für unsere Adventstour ein tolles, doch besinnliches Programm einfallen lassen, das allen echten Kriki-Fans sicher gut gefallen wird.
Die eine Maus fand Speck in Masse,
Die andre darbte auf der Gasse;
Der eine Ochs' wurd' gleich Minister,
Der andre immer blieb Magister;
Man ließ zu Hofe das Geschmeiß,
Ließ draußen doch Genie und Fleiß.
Adolf Glassbrenner in: „Neuer Reinecke Fuchs“, Epos 1846).
Bis die Toch zum Musikmachen.
Glickauf
Noch net alla im Schnee aber wieder ganz nahe der Haamit
Dr Sterni